Freiburg - Welch ein kreativer, fleißiger, ja lustiger Komponist. Georg Philip Telemann. In Freiburg wird dieser Musiker des ausgehenden Barock, gerade neu und intensiv entdeckt. In der Thomaskirche begann am vergangenen Sonntag Septuagesimae (8. Februar) eine Reihe mit Gottesdiensten in denen Teile des von Telemann komponierten zweiten Jahrgangs seiner geistlichen Kantaten aufgeführt werden. Diese "Harmonischen Gottesdienste", wie sie in jener Zeit hießen, mit den kleinen reizvollen Stücken werden noch bis Pfingstmontag, Sonntag für Sonntag und an den Feiertagen zu hören sein. Mehr als 40 Musikerinnen und Musiker in unterschiedlichen Formationen wirken mit. Und die Gottesdienstbesucher, die in die Thomaskirche kommen, sind wahrscheinlich die ersten seit über 250 Jahren, die diese Werke Telemanns wieder hören können.
Denn anders als die gelegentlich einzeln aufgeführten Kantaten des 1. Zyklus sei der 1731 veröffentlichte zweite Jahrgang der Telemann-Kantaten nie wieder aufgelegt worden, erklärte Landeskantor Professor Carsten Klomp. So kommt es, dass diese Kompositionen wahrscheinlich seit ihrer Uraufführung in Gottesdiensten in den Hamburger Hauptkirchen nicht mehr gespielt wurden. Das Freiburger Projekt ist also Pionier-Arbeit und einmalig in Deutschland, vermutet Professor Klomp. Auch die Sopranistin der ersten aufgeführten Kantate, Dorothea Rieger betont diesen Aspekt: "Das Kantatenprojekt ist ein Bon-Bon". Denn sie könne "damit etwas aus der Taufe heben und zu seiner Entstehung beitragen", freut sich die Konzertsängerin.
Entdeckt und vor dem endgültigen Vergessen bewahrt wurden die Telemann-Kantaten von dem Musikwissenschaftler Uwe Schlottermüller. Er hatte die mehr als 250 Jahre alten Orginal-Noten von Telemann, der über 1400 Kantaten geschrieben hatte, auf Mikrofilm vorliegen. Am Computer machte sich der Wissenschaftler dran die heute kaum lesbare Partitur zum Gebrauch für unsere Zeit zu "übersetzen". Und weil Schlottermüller in der Thomasgemeinde im nördlichen Freiburger Stadtteil Zähringen schon seit längerem ehrenamtlich mitarbeitet war es naheliegend in der Betonkirche (eingeweiht 1959) auch die Kantaten zu spielen, zumal die Kirche zwar keine Schönheit ist doch eine gute Akustik habe, wie die Musiker feststellten.
Eine Probe genügte. Dorothea Rieger (Sopran), Matthias Fischer (Barockgeige), Christian Niedling (Barockcello) und Carsten Klomp (Truhenorgel) hatten sich am Samstag rasch aufeinander eingestimmt. Den vier Musikprofis spürte man die Freude an den "neuen" Stücken an. Munter und fröhlich stich Matthias Fischer dann am Sonntag über die Seiten seiner alten Geige aus der Barockzeit. Fischer spielt normalerweise im Orchester des Südwestrundfunks. Auch Christian Niedling, dessen Cello etwa ebenso alt ist, musizierte konsequent und bewegend. Ausdrucksstark auch Dorothea Riegers Sopran-Stimme und ihre klare Interpretation des Textes. Schließlich noch Carsten Klomp an der kleinen mobilen Orgel, der zwar im Hintergrund, doch prägnant und lebendig die Aufführung abrundete.
Die "luftige" und im typischen Barock-Rhythmus gestaltete Kantate schien auch die Gottesdienstbesucher zu überraschen. Schauten zunächst eher ernste Gesichter auf das Geschehen vor dem Altar, überzeugten die Komposition und die Interpretation. Lächeln breitete sich in der Kirche aus. "Ich bin jetzt gespannt was noch kommt", sagte nach dem Gottesdienst eine Frau freudig. Denn 18 Kantatenaufführungen werden bis Pfingsten noch folgen. Außer an Karfreitag, da schweigt die Musik.
Die biblische Lesung des Sonntags handelte von den "Arbeitern im Weinberg": Die ersten Arbeitenden, die morgens eingestellt werden erhalten den selben Lohn wie jene, die am Spätnachmittag, kurz vor Feierabend noch vom Weinbergbesitzer engangiert werden. Zu diesem Matthäustext hatte der Hamburger Pastor Tobias Henrich Schubarts eine "Poesie" verfasst, die durch Telemann zum Kantatentext wurde. Zunächst schien diese Dichtung aus heutiger Sicht wie ein Affront gegen das gesellschaftliche Problemthema Nummer eins - Arbeitslosigkeit. Denn Schuberts dichtet: "Beweget euch munter, ihr lässigen Hände, und greifet das Werk mit Freunden an. ..." Viele würden heutzutage gerne einen Arbeitsplatz antreten, doch wer sich häufig zig-fach bewerbe und leer ausginge, mache die Erfahrung nicht gewollt zu werden, sagte dann Gemeindepfarrer Matthias Uhlich in seiner Predigt. Andere dagegen, die einen Erwerbsplatz hätten arbeiteten in unserer Zeit häufig bis zur Erschöpfung und litten dabei an Überforderungen, widersprach der Theologe seinem Kollegen von vor 250 Jahren. Die sittlich-ethische Bedeutung der Lesung aus dem Neuen Testament in der Zeit des Barock sei eine andere gewesen als heute. Denn das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ziele darauf darzustellen, dass Gottes Liebe allen Menschen gelte, so der Pfarrer. Gleich was einer geleistet habe, gleich welcher Kultur oder Tradition man angehöre. Den wo "Menschen im Namen der Religion noch in Gute und Böse trennen" seinen sie noch in ihrem kleinen Menschsein gefangen, meinte der Theologe.
An dem Kantatenprojekt ist dem Gemeindepfarrer die Offenheit und die Kooperation mit vielen Partnern von außerhalb der Gemeinde wichtig. Er wolle "Zellen des Miteinander schaffen", sagte Uhlich im Gespräch. Mit der Form der musikalischen Gottesdienste könnten denn auch neue Gemeindeglieder gefunden werden. Und, so ein Ältester der Thomasgemeinde, Telemanns Musik könnte helfen zu einem "musikalisch-spirituellen Bewusstsein" zurück zu kehren.
gh 9. 2. 04
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Das "Septuagesimae-Ensemble" bei der Probe

Geiger Matthias Fischer und Organist Carsten Klomp gehen noch einmal eine knifflige Stelle durch.

Georg Philip Telemann (1681 - 1767)

Professor Klomp im Gespräch mit Uwe Schlottermüller beim anschließenden gemütlichen Empfang zum Start der Kantatenreihe
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