Hintergrund




Wie ein Seelsorger in der Psychiatrie arbeitet
Das Normale und seine Vorurteile

Emmendingen (gh). Einhundertzwanzig Konfirmandinnen und Konfirmanden treffen sich an diesem sonnigen Spätnachmittag erneut im Festsaal.. Sie sind von ihren Besuchen zurückgekehrt und stehen jetzt in Kleingruppen beieinander, alle reden durcheinander. Kein Wunder, es gibt viel zu erzählen von dem gerade, während der vergangenen
Emmendinger Konfirmandinnen und Konfirmanden besuchten das Zentrum für Psychiatrie in ihrer Heimatstadt
Stunden erlebten: . Der schöne Jugendstil-Festsaal steht nämlich inmitten des Zentrums für Psychiatrie in Emmendingen (ZPE) und die 13- und 14-Jährigen waren unterwegs, um die Einrichtung und das Leben hier kennen zu lernen. 750 Patientinnen und Patienten leben in den Häusern und auf den Stationen, teilweise auch hinter Mauern. Organisiert hat den Nachmittag, wie schon andere Begegnungstage zuvor, Pfarrer Werner Jahn und ein Vorbereitungsteam aus Emmendingen. Der Krankenhausseelsorger ist seit drei Jahren im ZPE tätig.

"Ein bisschen Angst hatte ich schon hier her zu kommen", erzählt Sophia den andern in einer Kleingruppe, "doch jetzt, nach diesem Nachmittag bin ich froh, dass es das ZPE gibt". Mit dieser Aussage kann Pfarrer Werner Jahn zufrieden sein. Der Krankenhausseelsorger hatte zahlreiche Therapeutinnen und Therapeuten, Ärzte und Pflegepersonal gebeten mitzuwirken und einen Blick in ihre Arbeitsgebiete zu ermöglichen. Denn es gäbe "draußen" viele Vorurteile, so die Erfahrung des Psychiatrie-Seelsorgers

Bei den Besuchen in der verschiedenen Abteilungen des 750-Betten-Krankenhauses
Die Kirche im ZPE liegt zentral inmitten des schönen Klinik-Parks
wurde deutlich, die Jugendlichen spiegeln das Spektrum von Ängsten, Befürchtungen und Vorurteilen, aber auch von Engagement und Vertrauen, das auch außerhalb des Zentrum in der "normalen" Welt bei den Erwachsenen zu finden ist. "Haben die Patienten Streit untereinander?" "Was ist wenn einer ausbricht?" oder "Was ist genau ihre Aufgabe?" fragen die jungen Leute. Und Birgit Busse, Krankenschwester in der Forensik, erklärt ihrer Besuchergruppe in dem kargen Konferenzraum weshalb Menschen nach gerichtlicher Anordnung in geschlossenen Stationen leben müssen, und wie geholfen werden kann. "Jeder Patient wird individuell betrachtet und intensiv betreut", so die Krankenschwester.

Einen Blick auf das zu werfen, was von Patienten in ihrer praktischen Tätigkeit getan wird, gibt es dann in den Werkstätten für Textil, Malerei, Ton und Holz. Überraschend ist, was der Ergotherapeut sagt: "Die Patienten müssen hier an ihrer inneren Problematik arbeiten", so Bernd Walbers. Denn in der Auseinandersetzung mit dem Material, mit Form und Farbe setzen sich die Menschen auch mit sich selbst auseinander. Mit den ausdrucksstarken Arbeiten, die auf den Werkbänken und Regalen stehen (und auch bei Märkten verkauft werden) , kann jeder Patient auch seine persönliche Kreativität zur Wirkung bringen.

Im Kleiderladen des ZPE: Pfarrer Werner Jahn (Mitte) spricht mit der ehrenamtlichen Ladenmanagerin Hetzel-Wegner und seinem katholischen Kollegen Pastroalreferent Heck.
alle Fotos: g hammer
Die intensive Arbeit mit unterschiedlichen Materialien, führt nicht selten auch zu Seelsorgegesprächen, sagt der Kunstmaler Christoph Fischer. Er versteht den "Menschen im Gespräch, als den Sinn der Schöpfung". Für seine Patienten, heißt das beispielsweise im Gespräch über die eigene Malerei, die eigenen Interessen zu entwickeln und zu formulieren. Da spielen häufig auch starke religiöse Motive eine Rolle, so Fischer. Manche Patienten seien während des Malens "wie in ihr Bild versunken", "gucken aber plötzlich auf und - fragen nach Gott". Dass es hier die Möglichkeit gibt mit Pfarrer Jahn oder seinen Kollegen rasch ins Gespräch zu kommen, das erleben alle Beteiligten als hilfreich.

Der Krankenhausseelsorger empfindet sich im System Psychiatrie als "neutrale Person". Er habe Verbindung zu vielen Pflegekräften aber auch zu den Chefärzten. Und so betont er das "gute Verhältnis", das er mit den meisten Ärzten und Psychologen habe. Viele Ärzte würden den Patienten das Gespräch mit den Seelsorgern empfehlen, denn die seien eine wichtige Ergänzung im Klinikaufenthalt für die Patienten. "Mit diesem
Kunstmaler Fischer an seinem Schreibtisch in einem Eck in der Mal-Werkstatt.
Rückhalt kann ich besser arbeiten und das macht auch mehr Freude", sagt Jahn, der selbst auch künstlerisch ambitioniert ist, und in Emmendingen schon eine kleine Ausstellung mit seinen eignen Bildern hatte.

Auch die Zusammenarbeit mit den Kollegen der katholischen Kirche stellt Jahn heraus. "Wir haben hier eine gute Ökumene" sagt er freudig. Der evangelische Geistliche und die katholischen Pastoralreferenten vertreten sich in Urlaubszeiten gegenseitig. Das ökumenische Seelsorgeteam trifft sich regelmäßig, um sich auszutauschen und gemeinsame Gottesdienste und Initiativen vorzubereiten. So habe man verschiedene Gesprächskreise auf Stationen einrichten können, die von den Patienten gut angenommen werden. Dabei geht es, wie häufig in der Seelsorgearbeit, um den "Sinn es Lebens", "Sinn des Leidens" und die Frage: "Wie kann Gott das zulassen". Den Seelsorgern ist wichtig, dass sie keine Einzelkämpfer sein müssen, sagt Jahns Kollege Urban Heck. "Unsere Frage im Team ist immer: Wer ist der geeignetste Seelsorger für diesen Menschen". Kein Wunder, dass das Team bei dieser intensiven Zusammenarbeit auch miteinander Gottesdienste feiert. Zum Beispiel wird der Karfreitagsgottesdienst gemeinsam in der Kirche begangen und es wird nicht nach katholisch oder evangelisch unterschieden.

Interessiert lassen sich die Konfirmanden und einige begleitenden Eltern die Werkstätten zeigen, in den Patienten, die hinter Psychiatrie-Gitter leben müssen, nach ihrem kreativen Ausdruck suchen.
So kommt es auch, dass in den letzten Jahren sich auch ein ökumenisch- diakonisches Projekt entwickelt hat. Der Kleiderladen, der gleich nebem dem ZPE-Kaufladen liegt, ist ein beliebte Anlaufstelle bei Patienten geworden. Gerne stellen ZPE-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gute Second-Hand-Kleidung zur Verfügung, die dann günstig verkauft wird. "Gestern habe ich eine fast neue Bluse für drei Euro verkauft", freut sich Ladenmanagerin Monika Hetzel-Wegner. Die Sekretärin, die auch Älteste in einer Emmendinger Gemeinde ist, kümmert sich ehrenamtlich um den kleinen Betrieb, sortiert Hosen und Hemden und hat Einnahmen und Ausgaben im Griff. Auch ihr ist die Kommunikation mit den Patienten wichtig. Gerne nimmt sie Kontakte mit "Kunden und Lieferanten" auf.

Einhundertzwanzig Konfirmandinnen und Konfirmanden besuchten das südbadischen Zentrum für Psychiatrie. Es reichte, wie so häufig bei solchen Projekten wieder mal die Zeit nicht aus, um alles zu besprechen und sich intensiv auszutauschen. Doch erste wichtige Erfahrungen in der Begegnung mit psychisch erkrankten Menschen konnten die jungen Leute machen. Es bleibt die Hoffnung, dass diese Eindrücke nicht zu rasch wieder verschüttet werden und das Anliegen von Pfarrer Jahn weiter trägt: "Vorurteile langsam abbauen, den Menschen begegnen und die Horrorvision von Psychiatrie ad acta legen." Wie sagte der 14-jährige Christian am Ende des Besuchstages, als er mit seiner Kleingruppe im Festsaal stand: "Ich hab jetzt ein anders Bild, meine negative Vorstellung hat sich komplett gewandelt - eigentlich find ich's hier ziemlich gut."

Günter Hammer



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