Freiburg (gh). Sie ist fast zwei Meter. So lang ist die Reihe von kleinen schmucken Tagebüchern, die aufrecht im Regal in Günter Richters Arbeitszimmer in der Freiburger Burgunderstraße stehen. Für jedes Jahr ein Buch, seit 1957. Die Bücher berichten von ungewöhnlichen Ost-West-Begegnungen, die eine Gruppe badischer und brandenburgscher Christen seit über einem halben Jahrhundert durchgehalten hat, mit Freude und Engagement, mit Vertrauen und Respekt.
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| Pfarrer i. R. Richter zeigt die Tagebucher, die er über 52 Jahre aufbewahrt hat. |
Viele evangelische Gemeinden in Baden hatten besonders in der Zeit als der Eiserne Vorhang nicht nur die Nation, sondern auch die Kirchen trennte zunächst Patenschaft und später reguläre Partnerschaften mit Kirchen aus Brandenburg. Irgendwo in der EKD war in den 50er Jahren entschieden worden, dass jede West-Landeskirche sich um eine Schwester-Landeskirche im Osten kümmert, Baden sollte mit der Brandenburgschen Kirche Kontakt halten. In vielen badischen Gemeinden wurden dann in den 60er, 70er, und 80er an Weihnachten häufig Päckchen für die Brüder und Schwestern im Osten gepackt und versucht so der materiellen Not der Bürger im Osten entgegen zu wirken und ein Zeichen der christlichen Verbundenheit zu setzten. Wie viele Besuche und Begegnungen auf Gemeinde-, Dekanats- und Landesebene es in diesen Jahrzehnten über die Mauer hinweg gegeben hat, lässt sich heute, 20 Jahre nach dem Mauerfall, nur schwer sagen. „Wir wollten eine Brücke bauen“, erklärt Pfarrer Richter.
Eine der aktivsten Gruppen und wahrscheinlich bundessweit die einzige, die so lange existiert ist die um den einstigen Bezirksjugendreferenten und heutigen Pfarrer im Ruhestand, Günter Richter, mit seinen ehemaligen Jugendlichen, die alle seine Freunde geworden sind und seinen Kollegen im Osten, Ulrich Rohr und Erhard Henschel.
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| Schön nebeneinander, für jedes Jahr ein Tagebuch im Poesiealbumformat. Fotos: G. Hammer |
Begonnen hatte alles 1957 in Gersbach im Schwarzwald mit einer Ost-West-Begegnung des landeskirchlichen Jugendpfarramts bei der rund 50 Jugendliche zusammen kamen. Schon damals waren es drei Elemente, die in allen folgenden Begegnungen das vier- bis fünftägige Treffen prägten: Bibelarbeit, thematische Arbeit und Geselligkeit. Im ersten Jahr ging es um das Feiertagsgebot (2. Mose 20), so ist es im Tagebuch zu lesen. Ein Landtagabgeordneter sprach zum Thema. „Der Christ im Staat“ und bei einem Ganztagesausflug über den Schwarzwald nach Freiburg, gab es sogar für jeden einen Pfirsich und eine Banane, erzählt der Tagebuchschreiber weiter.
Noch einige Male traf man sich in den folgenden Jahren im Westen Berlins, bis der Mauerbau nur noch Begegnungen in der DDR zuließ. Würde diese Trennung je wieder überwunden werden fragte man sich bang. Doch fast trotzig und damit aller Realpolitik widersprechend hielt die Gruppe und deren Leiter an dem jährlichen Treffen fest. Der heute 75-jährige Ruhestandspfarrer meinte dennoch in einem Referat 1967, zu lesen im elften Tagebuch: „Wiedervereinigung wäre nur durch Krieg möglich…unsere Generation wird die Wiedervereinigung nicht mehr erleben…“
Beim Fall der Mauer im November 89 gingen dann Briefe hin und her: „Ein wenig stolz können wir wohl miteinander sein, neben dem großen Dank an unser Herrn, dass unser Aneinaderfesthalten nun sein Früchte trät für unser Volk“. Und weiter im Tagebuch: “Für uns ist es schön, dass sich nicht plötzlich Neues ergibt, sondern Vertrautes in neuer Vielfalt der Möglichkeiten sich fortsetzen kann.“
Wenn sich die Gruppe im Juni dieses Jahres in der Gegend von Dresden zum 53. Mal trifft wird es genau darum wieder gehen, die direkte Begegnung und Beziehung zu suchen. Denn wo man miteinander spricht, hören die Diffamierungen von Ost und West auf“, sagt der weißhaarige Pfarrer Richter.
Mehr Informationen auch bei www.bbb-freunde.de
2. 5. 09
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