Freiburg - Nach dem Ende des Irakkrieges sieht der ehemalige Vertreter des Generalsekretariats der Vereinten Nationen (UNO) und Leiter für humanitäre Koordination im Irak (1998 bis 2000), der Deutsche Hans Graf von Sponeck, die USA nicht mehr als alleinige Supermacht. Vor rund 80 Teilnehmern beim zweiten Badischen Ökumenischen Forum im Rahmen der Dekade zur Überwindung von Gewalt sagte Sponeck am Wochenende in Freiburg, eine zweite Supermacht sei im Entstehen, "und das sind wir die Öffentlichkeit". Die weltweiten Demonstrationen gegen den angekündigten Irakkrieg Mitte Februar diesen Jahres sei eine "Sternstunde der Öffentlichkeit" gewesen. Sponeck, der 32 Jahre lang bei der UNO als Diplomat in verschiedensten Ländern, unter anderem lange Zeit in Indien, gearbeitet hat, meinte, die USA sei nicht mehr die größte Demokratie der Welt sondern sei eine Oligarchie geworden. Man müsse zwischen dem amerikanischen Volk und dessen Regierungsvertretern deutlich unterscheiden, erklärte der Graf. Der Irakkrieg sei ein gewollter Krieg gewesen, der vor allem durch ein "massives Bild der Falschinformation" in den weltweiten Medien vermittelt worden sei. Für einen normalen Bürger sei es dadurch unmöglich gewesen sich ein konkretes Bild zum Irak zumachen, sagte Sponeck. Dem Weltsicherheitsrat der UNO warf er vor, dass die 13 Jahre Wirtsschafts-Sanktionen gegen den Irak die Kindersterblichkeit in die Höhe getrieben habe. "Die Sanktionen sind Massenvernichtungswaffen", so Sponeck. Er plädierte dafür die Jahre 1990 bis 2003 konzentriert aufzuarbeiten. So mussten die Angriffe von US-Jets in der Flugverbotszone geklärt werden und die Wirkung der Sanktionen untersucht werden. Auch die Struktur der irakischen Diktatur und die Person Saddam Husseins müsse geklärt werden. Genau zu aufzuarbeiten sei auch der völkerrechtswidrige Präventivkrieg der USA und England in diesem Jahr. Die Menschen im Irak sein in der jüngsten Vergangenheit doppelt bestraft worden, so der ehemalige UNO-Diplomat. Einmal durch Diktatur und Sanktionen und zum anderen durch den Krieg.
Sponeck forderte "Großzügigkeit beim nationalen Wiederaufbau im Irak". Deutschland sollte sich daran aktiv beteiligen, durchaus auch wenn es um die Ausbildung von Polizei und Militärs ginge. Gleichzeitig forderte er eine tiefere Zusammenarbeit "auf dem Gebiet der "Entgewaltisierung".
Sponecks Referat in der Erwachsenenbegegnungsstätte in Freiburg-Weingarten hatte aufmerksame Zuhörer gefunden. Freilich konnte man sich des Verdachts nicht erwehren es seien die "üblichen Kreise der Friedensaktivisten ", die ein Mann wie Sponeck und dieses Thema anzog. Kein Wunder also, dass Sponecks Forderung nach mehr "Mut zur Ethik", nach Ehrlichkeit, mehr Gemeinsinn, viel Toleranz und Integrität vielfaches Kopfnicken erntete.
Nach den Erfahrungsberichten und theoretischen Einschätzungen des Diplomaten wollten die Verantworten dann mit einem "Spiel", der Frage von Gewaltausübung im Alltag und in der Gesellschaft näher kommen. Dazu wurde in Kleingruppen gearbeitet.
Beispielsweise gab es diese Fragestellungen: ""Ein Mann erzählt frauenverachtende Witze" - Ist das Gewalt?" Und wenn ja welcher Art? Oder: "Ein 85-jähriger Lehrer der Jugendliche nicht mehr ertragen kann - Ist das Gewalt? Inwiefern?". Jeder einzelne sollte zunächst für sich entscheiden und dann mit der Kleingruppe darüber ins Gespräch kommen. Auch in der Feststellung "Ein Polizist droht mit dem Gummiknüpel" sollten die Gewaltaspekte geklärt werden. Mit einfachen Spielsteinen konnte die Antwort zu den Fragen auf einem Spielbrett platziert werden: Entweder näher zu "Gewalt" oder zu "Keine Gewalt". Dieses "Spiel" könne dazu beitragen das "Bewusstsein für personale, strukturelle und kulturelle Gewalt zu schärfen", sagte Rolf Kannen von Pax Christi.
Den Nachmittag bestritt der Berner Professsor für Altes Testament Walter Dietrich. Vor zehn Jahre habe er damit begonnen sich mit den "gewalttätigen Zügen im Gottesbild" der hebräischen Bibel auseinanderzusetzen. Sein Fazit heute: wenn das AT von Gewalt rede dann sei das so realistisch wie nur möglich und keine Schönfärberei. Doch ebenso realistisch würde die hebräische Bibel vielfältige Wege aufweisen mit Gewalt um zu gehen. Letztlich schildere der erste Testament der Bibel zahlreiche Beispiele und verschieden Möglichkeiten "mit der Gewalt fertig zu werden", meinte Dietrich, "und zwar von Seiten Gottes wie der Menschen". In Kleingruppen wurde dann beispielsweise am "Turmbau zu Babel" oder an der Geschichte von Gottes Friedensbogen gearbeitet. Drei Kategorien lassen sich im Alten Testament im Umgang mit Gewalt, nach Dietrich, unterscheiden: "Versuche die Gewalt mit Gewalt niederzuringen", "Perspektiven, wie Gewalt ohne Gegengewalt begegnet werden kann" und " Hoffnungen auf ein Ende der Gewalt".
Man müsse "aufmerksam und achtsam" mit der hebräischen Bibel umgehen, fasste Dietrich schließlich zusammen. Er rief die Teilnehmenden auf das Alte Testament "im Breiten zu lesen". Frieden beruhe auf Gerechtigkeit, so der Theologe, man dürfe sich durch Gewalt und mancherlei Rückschläge und "nicht resignieren lassen".
Veranstaltet wurde das 2. Badische Forum zur Gewaltüberwindung in Kooperation von der landeskirchlichen "Arbeitsstelle Dekade", pax christi in der Erzdiözese Freiburg und der Freiburger Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen und Gemeinden (ACK). Auch die beiden Ortsgemeinde in Freiburg-Weingarten, die Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde und die St. Andreas-Gemeinde sowie die Erwachsenenbegegnungsstätte (EBW) zeichneten als Veranstalter.
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Graf Sponeck (re.) hört intensiv zu. Daneben sitzt Pfarrer Atsma, Vorsitzender der Freiburger ACK

Blick auf den Büchertisch

Gespräch darüber wie bestimmte Situationen im Alltag einzuordnen sind - Gewalt oder nicht?

Spielerischer Umgang mit Gewalt, ganz ernst

Professor Walter Dietrich aus Bern
Fotos: g hammer
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