Freiburg (gh). Freiburg hat einen Baby-Boom. Über 500 Kinder kamen in 2010 mehr zur Welt als im gleichen Zeitraum Menschen in der Stadt verstarben. Dies berichteten vergangene Woche die städtischen Statistiker.
Der für die lokalen Politiker zunächst nicht erklärbare Anstieg der Kinderkurve wird auch ein einer ganz anderen stelle als dem Rathaus wahrgenommen. Die Evangelische Familienpflege verzeichnet mehr Einsätze als noch vor einigen Jahren. Und auch die Art der Einsätze seien andere als in früheren Zeiten, berichtet Ulrike Neumann. Die Einsatzleiterin muss mit ihrem rund zwanzigköpfigen Familienpflege-Team besonders bei unvorhersehbaren Notfällen rasch reagieren. Wenn die Mutter plötzlich erkrankt oder der Vater verunglückt ist aber auch bei Risikoschwangerschaften oder Mehrlingsgeburten sind die erfahrenen Familienpflegerinnen zur Stelle und kümmern sich um Kind und Kegel. Fachliche Qualifikation, Flexibilität, Diskretion und Zuverlässigkeit gehört dann zu Merkmalen, die von den Frauen gefordert ist, wenn sie in die Familien gehen.
In dieser Woche nun feiert die Evangelische Familienpflege ihr 60-jähriges Bestehen. Seit einigen Jahren gehört sie zur Evangelischen Sozialstation, zuvor war sie beim Diakonischen Werk angegliedert. Am kommenden Freitag, 11. November wird das runde Jubiläum mit einem kleinen Festakt, ab 15 Uhr, in der Kita Immergrün, Adinda-Flemmich-Str.3, gefeiert. Mit dabei ist auch Bürgermeisterin Gerda Stuchlik. Die Referentin für Familienpflege / Dorfhelferinnenarbeit im Diakonischen Werk Baden, Karola Magerl-Feigl, hält ein Impulsreferat bei dem sie die Geschichte der Familienpflege und deren Zukunft beleuchtet. „Familien pflegen gestern, heute, morgen“ lautet ihr Thema.
Das Bild der Familienpflege hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt. Die ersten Frauen, die diesem Beruf nachgingen wurden von der damaligen Inneren Mission bzw. dem Evangelischen Gemeindedienst angestellt. Sie halfen in Familien bei denen zum Beispiel junge Eltern in armen Verhältnissen mit dem Nachwuchs überfordert waren, oder die Mutter nach Erschöpfungszuständen zur Kur durfte.
Heute sei häufig eine Erkrankung der Grund, dass Familienhilfe angefragt wird, so Ulrike Neumann. „In Notlagen stützen wir mit unserer umfassenden Versorgung die Wurzel der Familie“, sagt die Sozialpädagogin. Denn die Familienhilfe sei kontinuierlich da und bietet einen festen Rahmen, so dass der Alltag trotz Krankheit weiter gehen könne. Finanziert werden die ärztlich verordneten Einsätze, die durchschnittlich zwei bis vier Wochen dauern, in der Regel von der Krankenkasse. Freilich gehe eine Familienhelferin auch schon mal für nur einen bis drei Tage in eine Familie, wenn die allein erziehende Mutter beispielsweise eine Grippe hat und ein paar Tage das Bett hüten muss. Und wenn es nötig ist, zum Beispiel bei sehr schweren Erkrankungen oder Todesfällen, können Einsätze auch über mehrere Monate bis zu einem Jahr dauern. In diesen Fällen werden der Einsätze auch vom Kinder- und Jugendamt finanziert.
In mehr als einem Dutzend Familien ist das Team in diesen Tagen aktiv. Einige der Familienhelferinnen sind als kurzfristig Beschäftigte eingesetzt. „“Wir suchen gerade händeringend nach weiteren Mitarbeiterinnen, die als Springerin aushelfen können, Mütter, die den beruflichen Wiedereinstieg suchen, Studentinnen oder Rentnerinnen“, sagt Einsatzleiterin Neumann. Die staatlich anerkannte Ausbildung der Familienpflegerinnen dauert drei Jahre. Neben dem Erwerb praktischer Fähigkeiten stehen auch Psychologie, Gesprächsführung und Pädagogik auf dem Stundenplan.
In etlichen Städten hätten Familienpflegedienste aufgeben müssten, weil die Finanzierungslage nicht einfach sei. Johannes Sackmann, der hauptamtliche Vorstand der Sozialstation ist denn froh, dass auch die Stadt Freiburg und das Land Baden-Württemberg (Regierungspräsidium) die Arbeit bezuschussen (jeweils 10.000 Euro pro Jahr). Aktuell sei dieser Zuschuss nicht gefährdet, sagt Sackmann. Er betont auch, dass die Familienpflege in der Zusammenarbeit mit dem ambulanten Pflegedienst und der Nachbarschaftshilfe der Sozialstation und im Verbund mit dem Diakonischen Werk Freiburg (Schwangerschaftskonfliktberatung, "wellcome" Hilfen nach der Geburt,) gut aufgestellt und vernetzt sei. Auch die Kooperation mit anderen Trägern der Familienpflege sei bestens. Stadt, Caritas und DRK bilden mit ihren Haus- und Familienpflegediensten zusammen mit der Evangelischen Familienpflege einen Pool in dem es eine vertrauensvolle Zusammenarbeit gäbe. Dieser Pool trifft auch gemeinsame Vereinbarung mit den Krankenkassen.
Baby-Boom in Freiburg, die Evangelische Familienpflege trägt ihren Teil dazu bei. Denn, wie die Einsatzleiterin sagt, wenn am Ende eines Einsatzes geholfen werden konnte eine schwierige Situation zu überwinden, „geht etwas Fröhliches“ mit den Helferinnen und in den Familien herrscht neue Zuversicht.
9. 11. 11
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