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Rudolf Atsma, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen und Gemeinden (ACK)
in Freiburg
Ansprache zur Friedenskundgebung am 8. 2. 2003
Gerade hatten wir uns im Kreis zusammengestellt. Etwa 50 Menschen. Durchschnittsalter knapp 65. Bei der Montagsmahnwache - 19.00 Uhr - am Münster vor drei Wochen. Einer liest die Verse von Erich Fried: "Wer will, das die Welt so bleibt wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt!" An unserer Gruppe ge-hen zwei junge Frauen vorbei. Laut ruft die eine: "Bringt doch nix, bringt doch eh' nix!" Sie gehen davon.
Die Mahnwache am Montag ist seitdem gewachsen: inzwischen etwa 150 Menschen. Auch an anderen Wochentagen in unserer Stadt regelmäßig Friedensgebete / Mahnwachen in verschiedenen Kirchen. Und - wie schon mehrfach seit dem 11. September (am nächsten Donnerstagabend) ein gemeinsames Gebet von Juden, Muslimen, und Christen. - Und heute hier. So viele. Endlich und Gottseidank Men-schen aller Generationen!
o Es ist Zeit, sichtbar zu machen, dass wir nicht länger bereit sind, eine Politik hinzunehmen, die mit Krieg rechnet, und Geschäfte machen will mit dem Tod von Millionen Menschen.
Nicht in unserem Namen! Und schon gar nicht in Gottes Namen!
o Es ist Zeit, den Krieg, millionenfachen Mord an Menschen um Gottes willen öffentlich zu ächten und ihn auch als letzte politische Handlung, als "ultima ratio" endlich zu verbieten. "Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein", das haben die Kirchen der Welt schon vor mehr als 50 Jahren erklärt.
o Es ist Zeit, den Erklärungen Taten folgen zu lassen.
Zweifellos stellt ein Regime, das mehrfach den Frieden mit den Nachbarländern gebrochen und den brutalen Gewalteinsatz gegen die eigene Bevölkerung nicht gescheut hat, ein Risiko für die internatio-nale Ordnung dar, zumal, wenn es im Besitz von Massenvernichtungswaffen ist. Aber auch diese Situa-tion kann keinen Präventivkrieg begründen, der auch völkerrechtlich verboten ist.
Wir sind dankbar für die klaren Worte des Papstes, in denen er "Nein" zum Krieg sagte, um "den Frieden aufzurichten." Die deutliche Erklärung der deutschen katholischen Bischofskonferenz zum Irak-Konflikt vom 21. Januar und die wegweisende Stellungnahme der evangelischen und orthodoxen Bischöfe am Mittwoch dieser Woche in Berlin ermutigen uns, gemeinsam um Frieden zu beten, aber unserem Frie-denswillen auch öffentlich Ausdruck zu verleihen.
"Bringt doch nix...?" - Selbst "wenn es nur ein Zeichen wär", was wir da gegen Panzer, Bomben und Raketen ins Feld führen" - die vom Krieg betroffenen Menschen werden in unserem sichtbaren Willen zum Frieden ein unendlich kostbares und starkes Zeichen solidarischer Anteilnahme sehen.
o Die Menschen im Irak brauchen keine amerikanischen oder englische Bomben,
sie brauchen aber Lebensmittel und Nahrung.
o Die Menschen im Irak brauchen nicht noch mehr Verwundete und Tote,
sie brauchen aber Medikamente und eine bessere klinische Versorgung.
o Die Menschen im Irak brauchen keine selbst ernannten "Befreier" im Land,
sie brauchen aber die Befreiung von den mörderischen Sanktionen, die nach dem letzten Golfkrieg verhängt wurden.
o Die Menschen im Irak brauchen nicht noch mehr Waffen in ihrem Land, von westlichen Rüstungsfir-men an Saddam Hussein verkauft,
sie brauchen aber unsere ent-waffnende Solidarität und den Respekt, den sie als Geschöpfe Gottes verdienen.
Welche Hoffnungen und Zielsetzungen verbinden sich denn mit dem geplanten Morden im Irak? Einem ohne Zweifel brutalen und gefährlichen Diktator soll die politische Macht genommen werden. Aber dür-fen dafür tausende anderer Menschen in diesem Staat umgebracht werden? Braucht es zur Beseitigung eines Unrechtsregimes einen derart massiven Militäreinsatz? - Wie ist es zu begreifen, dass zur angebli-chen Entwaffnung Saddam Husseins die Fantasie, ja die erklärte Bereitschaft der amerikanischen und englischen Regierung sogar bis zum Einsatz von Atomwaffen geht?
"Was ein Mensch sät, das wird er auch ernten" (Galaterbrief 6, 7), dieser biblischen Wahrheit entspre-chend werden die Konsequenzen des vorbereiteten Krieges bald sichtbar sein: Wer Hass sät, wird Hass ernten. Wer Lügen sät, wird Lügen ernten. Wer Gewalt sät, wird Gewalt ernten...
In ihrer Erklärung zum Irakkonflikt fordern die katholischen Bischöfe mit den Worten von Papst Johannes Paul II "das unheilvolle Flackern eines Konflikts, der mit dem Einsatz aller vermeidbar ist, auszulöschen." - "Mit dem Einsatz aller..." -
o Muss es nur ein Traum bleiben, dass es den Menschen und Völkern endlich gelingt, die nötigen Schritte zur Überwindung von Gewalt zu tun und weltweit Gerechtigkeit zuschaffen, anstatt untätig und resigniert in einen dritten Weltkrieg hinein zu taumeln.
o Muss es nur ein Traum bleiben, dass sich anerkannte Friedenskämpfer und - nobelpreisträger wie etwa Nelson Mandela, Michael Gorbatschow, Desmond Tutu, Jimmy Carter, Kofi Annan zusammen mit den Repräsentanten der großen Religionen direkt nach Bagdad begeben, um dort solange zu bleiben, bis eine Lösung des Konfliktes mit friedlichen und gewaltfreien Mitteln ausgehandelt ist? Die Unsummen von Geld, die schon für den Krieg genehmigt wurden, könnten dann sinnvoller eingesetzt der Welthungerhilfe und dem Kinderhilfswerk UNICEF zur Verfügung gestellt werden.
o Muss es nur ein Traum bleiben, dass die Friedensbewegung mit ihrem Kampf zur Überwindung von Gewalt weltweit so viele Menschen bewegt und über alle Grenzen hinweg verbindet, dass die fanta-sielosen und mörderischen Geschäfte mit dem Krieg endlich obsolet werden, geächtet, weil sie noch nie und nirgends Gutes bewirkt haben.
Schlimm genug, dass es tausendfach geschichtliche Situationen gab, in denen zerstörerische Gewalt scheint’s nur mit stärkerer und noch grausamerer Gegengewalt gebrochen werden konnte. Aber tau-sendfach wurde dabei auch bestätigt: "Wer das Schwert nimmt, wird auch durch das Schwert um-kommen." (Matthäus 26, 52) Wir haben in diesem Land und auch hier in unserer Stadt noch deutlich genug vor Augen wie hoch der Preis und wie entsetzlich die Folgen eines Krieges sind. Es gibt doch heute - Gottseidank - bessere, gewaltlose Mittel, um einen gerechten Frieden zu erreichen.
Muss es nur ein Traum bleiben...?
Dom Helder Camara, einer der überzeugendsten Vertreter gewaltfreien Handelns in unserer Zeit,
Erzbischof der Armen in Recife / Brasilien, hat unsere Friedenssehnsucht mit einer realen Hoffnung
verbunden:
"Wenn einer alleine träumt,
so ist das nur eine Traum.
wenn viele gemeinsam träumen
so ist das der Beginn
einer neuen Wirklichkeit."
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